• Heiner, 22 Dez 2008 /  Kiezmeisterschaft, München

    Das Slamjahr hat sich zum Schluss echt nochmal derbe reingehängt. Nach dem für mich doch recht ernüchternden Zürcher SLAM 2008 folgten im Dezember ein entspannter Regensburger Mälzeslam, ein selten guter Substanz-Slam, ein Rekordslam in Landshut und ein feines Gastspiel in Innsbruck. Als ob die Kiezmeisterschaft geahnt hätte, dass sie da als Jahresabschluss nochmal eins drauf setzen müsste…

    Die Fakten: 15 Poeten in der Liste (wir haben sie schon um 8 Uhr geschlossen) und etwa 140 Leute im Haus! Rayl und ich moderierten, und das klappte dank vorheriger Absprache bezüglich “Wer macht Abmoderation, wer liest die Noten vor und wer lost aus” wesentlich besser. Aus meinem Workshop traten gleich drei Schüler auf (Timo Stukenberg, Katalin Kuse und Sonja Popp), wir hatten einige Kiezdebüts, fast alle Stammgäste und Julius Fischer als krönende Dreingabe.

    Dank Speedmoderation ging die Show in knappen zwei Stunden über die Bühne und war somit mehr als erträglich. Und: Die Qualtität der Beiträge wurde durch die hohe Quantität der Poeten nicht etwa verringert, sondern erhöht! Selten habe ich so einen befriedigenden Kiez erlebt.

  • Heiner, 21 Dez 2008 /  Bilder, Reiseberichte

    Innsbruck: Nichtmal zwei Zugstunden von München entfernt, und doch ganz anders. Wie? Beim Bierstindl-Slam zahlt niemand Eintritt.  Beim Bierstindl-Slam sieht man Sachen auf der Bühne, die auf deutschen Slams aufgrund ihrer Experimentalität und der folgenden geringen Resonanz keinen Stand haben. Nicht so in Innsbruck. Da trauen sich Neulinge auf die Bühne, das Publikum honoriert es, und die drei (mit Robert Prosser vier) Jungs von Text Ohne Reiter haben ihr Stammpublikum. Selten erlebe ich es, wie gelassen eine derartige Lokalstärke Poeten auf Bühne macht. Moderator Markus Köhle

    Klingt das gastunfreundlich? Nein, sollte es nicht. Ich kam mit “Ich hör dich nicht” ins Finale, was mich endgültig von seiner Repertoire-Tauglichkeit überzeugt hat. Dort war Stefan Abermann dann einen Tick origineller und holte sich vor mir den ersten Platz. S’is ok. Anderes wäre auch nicht schlimm gewesen, ich mag Österreich und seine Slams. Und wie es aussieht, könnte es im Mai dazu kommen, dass ich endlich mal die gesamte Slamachse (Wien, Linz, Innsbruck) durchfahren werde. We’ll see.

    Ein kleines Berichtlein zur gestrigen Kiezmeisterschaft folgt vermutlich morgen.

  • Heiner, 18 Dez 2008 /  Landshut, Lange Denkt

    Irgendwie scheint sich das scheidende Slamjahr nach einigen Anödungen, die es mir in den letzten Monaten beschert hat, mit mir versöhnen zu wollen. Anders kann ich mir das nicht erklären:

    8 Dichter auf der Liste. Über 100 Zuschauer. Ein unerwartet geiles Bühnenbild (Bühne auf der Bühne). Ein stilvoller featured Artist (Udo Tiffert). Ein neuer eigener Text, der gut ankommt. Was will man mehr?

    Ana Ryue auf Bühne auf Bühne in Landshut

    Wer war dabei: Sebastian Steuger (Neuling, wird man wieder sehen), Michael Jakob, Sebastian Stopfer, Sebastian Schönfeld, Sabine Oberpriller, Ana Ryue und Katalin Kuse (aus München mit mir hergefahren), Philipp Mayer (Neuling, bukowskiesk). Finale bestehend Michael Jakob mit einem Apell für mehr Schuhe, Katalin Kuse mit einer Klapprad-Story, und Sebastian Stopfer, der nicht erwachsen werden will, und dann auch den Sieg davon trug. Und das erwähne ich jetzt ausnahmsweise mal wieder.

    Über die Sieger zukünftiger Slamberichte, sofern es nicht aus Landshut stammt oder nicht ich es bin, werde ich nicht berichten… “the points are not the point, the point is me”. Hehe. Da fehlt jetzt aber noch die </ironie>-Klammer…

    Ich bin gespannt, was mich morgen in Innsbruck und am Samstag auf der Kiezmeisterschaft erwartet.

  • Heiner, 15 Dez 2008 /  München

    “Denn Versmaß rulez / und wird noch regeln / mit eingewachsnen Zehennägeln” (Frank Klötgen)

    Ein Abend voller Poesie. Eröffnet mit Franziska Holzheimers tollem Wortverlust-Text, stylisch präsentiert durch den grundsympathischen und höchstpoetischen John Berkowitz aus Leicester, fortgeführt mit Clara Nielsens Abrechnungspoem, als Zwischenstück eine göttlich absurde Oskar-Kokoschka-Hommage auf Kunstinterpretationen von Felix Bonke, weiter mit Brachialdichter Scharri, fein bezuckert mit Björn Dunnes Dichtkunst, absurd-toll hochgespitzt durch Frank Klötgen, authentisch vertreten durch Luc Spada,  und humorig abgerundet durch Dorian Steinhoff.

    “Du meinst, du seist taff / die Poesie ist Metapher!” (Scharri)

    ‘Wenn ich mich nach einem Slam über nichts großartig aufregen kann, muss er entweder tierisch langweilig oder wirklich klasse gewesen sein’, sagte ich gestern augenzwinkernd, doch nicht ohne Ernst. Ein klasse Slam war das.

  • Heiner, 13 Dez 2008 /  Lange Denkt, Reiseberichte

    In einer Phase geringer Musenbeküsstheit frug man mich, ob ich denn nicht der Regensburger Bühne einen Besuch abstatten wolle, und so sagte ich “Ja. Mach’mer scho.” Allein um besagten Text “Du, ich hab aber nen Freund” nochmals auf seine Tauglichkeit zu überprüfen, und doch auch aus akuter Auftrittslust.

    Selten erlebte ich die Mälze derart voll. Wenn man den Regensburger Slam charaktierisieren sollte, so würde ich sagen: Wie das Substanz, nur besser. Warum besser? Darum: Ein Großteil der Leute hat Stühle, zum Sitzen drauf. Wobei natürlich bei derartigem Publikumsandrang die Frage im Raum steht, ob der Raum denn in Zukunft denn noch reicht… zu hoffen wärs.

    Die vier Angereisten (Franziska Holzheimer, Dorian Steinhoff, Alex Burkhard, Lange) wurden ordentlich verlost, in der ersten Runde trafen Dorian und Alex aufeinander. Beide überzeugend, Alex überzeugender.

    Die zweite Runde mit Franzi und mir war für mich ernüchternd und herzerwärmend zugleich. Betrachtet man die letzten Blogeintrage und deren Kommentare, so schwebt für mich über Slam zur Zeit die Frage, ob es sich lohnt, zu feilen, gut zu performen und zu perfektionieren. Die Antwort an diesem Abend: Ja, tut es. Ich brachte “Du, ich hab aber nen Freund”, begleitet von frenetischen Applaus, Franziska präsentierte ein ausgefallen ausgefeiltes Stück über den Verlust ihrer Worte und zog im Applausstechen lautstärketechnisch an mir vorbei.

    Gut, mag man da vielleicht kommentieren wollen, sie ist ne Frau und Frauen dürfen den Anschein von Perfektheit machen ohne aufgesetzt zu wirken, das ist ihre Rolle, und wenn Franzi mit einem gefühlvollsten Text als Schlusspoetin auftritt bringt das Extravorteile. Mag sein, aber nein. Franziskas Text+Performance waren besser als die Meinigen. Und das Publikum wusste es zu schätzen.

    Regensburg, dafür hast du dir einen großen Schulterklopfer verdient.

  • Bumillo, 04 Dez 2008 /  Slam 2008

    Die letzten Zürich-Zeilen meinerseits (nicht heinerseits):

    • Poetry & Niveau im Einzelwettbewerb

    Vielerorts war zu vernehmen, der Einzelwettbewerb des Slam 2008 habe dem Publikum “gute Unterhaltung” geboten. Das ist doch schon mal was. Für mich muss Poetry oder “Poesie” jedoch mehr als nur unterhalten. Ist halt ne Definitionsfrage. “Unterhaltung”, “Poesie”, “Kunst”, “Literatur” – das definiert jeder anders und dementsprechend erwartet jeder auch was anderes. Und da eher wenig Poesie geboten wurde, war ich etwas enttäuscht. Zwischenzeitlich sogar mal desillusioniert, weil man einfach unfassbar blöd ist, wenn man in seinen Texten auf Sprache, Stilmittel und Reim achtet und diese dann auch noch auswendig lernt (wobei ich hiermit keinen Beitrag zur ewigen und unendlich ermüdenden “Blatt vs. Auswendig”-Problematik liefern möchte). Ich muss Weltmeister Danny Sherrard leider zustimmen wenn er in seinem Essay-Gedicht “Inspired” vom 1.11.08 schreibt:

    No one cares for you anymore Poetry
    Unless music is behind you or in front

    (Das will man einfach nur so stehen lassen.) Es muss ja nicht alles immer Poetry sein, gerade die Vielfalt macht den Slam ja auch aus und verleiht ihm die Würze. Aber irgendwas hat schon gefehlt in Zürich. Vielleicht ist es, wie es Tobi Kunze in seinem richtungsweisenden Blogeintrag “Künstler sein heisst nicht nur sich Mühe machen, sondern über sich selbst Bescheid wissen” vom 14.10.2008 beschreibt, die zu geringe Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Gegenstand “Poetry”:

    Es ist einfacher, Leute zum Lachen zu bringen als zum Nachdenken. Es ist einfacher, einfach aufzutreten als den Auftritt gut vorzubereiten. Es ist einfacher, neue Texte zu schreiben, als die Geschriebenen zu verbessern. Es ist einfacher, eine Ablenkung, als zu sich selbst zu finden. Es ist einfacher, ein Brot zu essen, als es zu schmieren.

    Ich finde, wir als Szene könnten einfach noch viel mehr aus uns rausholen. Und da ist es völlig egal welchem “Genre” oder welcher Performance-Art man angehört, da muss einfach noch mehr kommen. Wie die Drehbuchautoren in Amerika sagen:
    Stick to your own thing and dig deep.

    Dig Deep. Nur weil man sich mit etwas ERNSThaft beschäftigt, heißt das nicht, dass man dabei keinen SPAß hat. Im Gegenteil. Also, an alle Storyteller, Performance- und Rappoeten, an alle Styler und Feiler, an die Trashtalker und die Tränendrüsendrücker, die Rotzer und Motzer, die Wortschwaller und die Kalauerkauer: haltet eure Fakeln hoch, erleuchtet die Poetry-Höhle und erfreut euch an der Differenziertheit des Marktes! Und kritisiert euch auch mal gegenseitig. Und diskutiert miteinander. Und schöpft euer kreatives Potential und eure poetischen Möglichkeiten voll aus. Stick to your own thing and dig deep.

    • Team!

    Team ist im Moment einfach das Größte. Alles, was im Einzelwettbewerb so oft vermisst wurde, war im Teamwettbewerb im Dutzend zu sehen: Power, Leidenschaft, Kreativität, Originalität, sprühende Funken und das gewisse Etwas, das diese ganz besonderen Slam-Momente hervorbringt. Und deshalb freu ich mich einfach tierisch, wenn das im August 2008 gegründete Heiner-Scharri-Bumillo-Team 2009 loslegt und sich ausprobiert!

    • Boutmanagement

    Die Boutmanager haben den größten Einfluss auf die Jury, welche wiederum den größten Einfluss auf den Ausgang des Slams hat, sie sind damit die wichtigsten Leute im Hintergrund! Ein Boutmanager ist keine “Schlampe” und auch kein “Sklave vom Dienst” (wie in Zürich manchmal zu hören war)! Ich fordere: Boutmanager for President!

    • Glück ist machbar

    Die Meisterschaften haben in aller Deutlichkeit eines gezeigt: der Teufel scheißt auf den größten Haufen. Wenn man sich die gelosten Startplätze derer ansieht, die schon (fast) alles gewonnen haben, wird klar: Wer hat, dem wird gegeben. Doch wie Uli Hoeness sagt: “Glück ist machbar.” Die meisten “Großen” haben sich das Dusel bei der Auslosung einfach über Jahre erarbeitet (und es deshalb auch irgendwo verdient). Mein Ziel für die nächsten x Jahre ist also: einen großen Haufen zusammenkriegen. Und vielleicht scheißt ja dann mal der Teufel drauf.

    • Zukunft Slam

    Es werden sich verstärkt Poeten zu Teams zusammenschließen und Gas geben. Diese Teams werden dann Solo-Abende mit Team- und Einzeltexten veranstalten, vielleicht sogar verstärkt als abendfüllendes Poetry-Team touren. Es wird vermehrt Show-Cases geben, bei denen die POETRY und nicht der SLAM im Mittelpunkt stehen. Es wird weiter über Bewertungssysteme, U20-Workshops und “Niveau” diskutiert werden.

    Hiermit lasse ich Heiners vorübergehend gekidnappten Blog aus meinem Kofferraum wieder raus, reiße ihm das Klebeband von den Lippen und spraye ihm zum Abschied ein “Danke!” auf die Stirn.

  • Heiner, 01 Dez 2008 /  Lange Denkt, München

    Gestern war ich endlich mal wieder Gastleser bei den Schwabinger Schaumschlägern im Vereinsheim, zusammen mit Grög und Harry Kienzler. Ich habe einen Text gebracht, den ich am Mittwoch in Landshut zum ersten Mal gelesen hatte. Das war eigentlich ein Nottext, weil ich in letzter Zeit relativ wenig geschrieben habe. Und ich wollte ihn lange Zeit nicht lesen, weil ich ihn für viel zu banal hielt. Aber der Text schlug ein wie Bombe.

    Fazit: Einfach genial? Genial einfach! Ich bin desillusioniert… warum bekomme ich für Texte, die ich in geschätzten 30 Minuten geschrieben habe, mehr Applaus als für Werke, die über Wochen und Monate gediehen sind… ?