Die letzten Zürich-Zeilen meinerseits (nicht heinerseits):
- Poetry & Niveau im Einzelwettbewerb
Vielerorts war zu vernehmen, der Einzelwettbewerb des Slam 2008 habe dem Publikum “gute Unterhaltung” geboten. Das ist doch schon mal was. Für mich muss Poetry oder “Poesie” jedoch mehr als nur unterhalten. Ist halt ne Definitionsfrage. “Unterhaltung”, “Poesie”, “Kunst”, “Literatur” – das definiert jeder anders und dementsprechend erwartet jeder auch was anderes. Und da eher wenig Poesie geboten wurde, war ich etwas enttäuscht. Zwischenzeitlich sogar mal desillusioniert, weil man einfach unfassbar blöd ist, wenn man in seinen Texten auf Sprache, Stilmittel und Reim achtet und diese dann auch noch auswendig lernt (wobei ich hiermit keinen Beitrag zur ewigen und unendlich ermüdenden “Blatt vs. Auswendig”-Problematik liefern möchte). Ich muss Weltmeister Danny Sherrard leider zustimmen wenn er in seinem Essay-Gedicht “Inspired” vom 1.11.08 schreibt:
No one cares for you anymore Poetry
Unless music is behind you or in front
(Das will man einfach nur so stehen lassen.) Es muss ja nicht alles immer Poetry sein, gerade die Vielfalt macht den Slam ja auch aus und verleiht ihm die Würze. Aber irgendwas hat schon gefehlt in Zürich. Vielleicht ist es, wie es Tobi Kunze in seinem richtungsweisenden Blogeintrag “Künstler sein heisst nicht nur sich Mühe machen, sondern über sich selbst Bescheid wissen” vom 14.10.2008 beschreibt, die zu geringe Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Gegenstand “Poetry”:
Es ist einfacher, Leute zum Lachen zu bringen als zum Nachdenken. Es ist einfacher, einfach aufzutreten als den Auftritt gut vorzubereiten. Es ist einfacher, neue Texte zu schreiben, als die Geschriebenen zu verbessern. Es ist einfacher, eine Ablenkung, als zu sich selbst zu finden. Es ist einfacher, ein Brot zu essen, als es zu schmieren.
Ich finde, wir als Szene könnten einfach noch viel mehr aus uns rausholen. Und da ist es völlig egal welchem “Genre” oder welcher Performance-Art man angehört, da muss einfach noch mehr kommen. Wie die Drehbuchautoren in Amerika sagen:
Stick to your own thing and dig deep.
Dig Deep. Nur weil man sich mit etwas ERNSThaft beschäftigt, heißt das nicht, dass man dabei keinen SPAß hat. Im Gegenteil. Also, an alle Storyteller, Performance- und Rappoeten, an alle Styler und Feiler, an die Trashtalker und die Tränendrüsendrücker, die Rotzer und Motzer, die Wortschwaller und die Kalauerkauer: haltet eure Fakeln hoch, erleuchtet die Poetry-Höhle und erfreut euch an der Differenziertheit des Marktes! Und kritisiert euch auch mal gegenseitig. Und diskutiert miteinander. Und schöpft euer kreatives Potential und eure poetischen Möglichkeiten voll aus. Stick to your own thing and dig deep.
Team ist im Moment einfach das Größte. Alles, was im Einzelwettbewerb so oft vermisst wurde, war im Teamwettbewerb im Dutzend zu sehen: Power, Leidenschaft, Kreativität, Originalität, sprühende Funken und das gewisse Etwas, das diese ganz besonderen Slam-Momente hervorbringt. Und deshalb freu ich mich einfach tierisch, wenn das im August 2008 gegründete Heiner-Scharri-Bumillo-Team 2009 loslegt und sich ausprobiert!
Die Boutmanager haben den größten Einfluss auf die Jury, welche wiederum den größten Einfluss auf den Ausgang des Slams hat, sie sind damit die wichtigsten Leute im Hintergrund! Ein Boutmanager ist keine “Schlampe” und auch kein “Sklave vom Dienst” (wie in Zürich manchmal zu hören war)! Ich fordere: Boutmanager for President!
Die Meisterschaften haben in aller Deutlichkeit eines gezeigt: der Teufel scheißt auf den größten Haufen. Wenn man sich die gelosten Startplätze derer ansieht, die schon (fast) alles gewonnen haben, wird klar: Wer hat, dem wird gegeben. Doch wie Uli Hoeness sagt: “Glück ist machbar.” Die meisten “Großen” haben sich das Dusel bei der Auslosung einfach über Jahre erarbeitet (und es deshalb auch irgendwo verdient). Mein Ziel für die nächsten x Jahre ist also: einen großen Haufen zusammenkriegen. Und vielleicht scheißt ja dann mal der Teufel drauf.
Es werden sich verstärkt Poeten zu Teams zusammenschließen und Gas geben. Diese Teams werden dann Solo-Abende mit Team- und Einzeltexten veranstalten, vielleicht sogar verstärkt als abendfüllendes Poetry-Team touren. Es wird vermehrt Show-Cases geben, bei denen die POETRY und nicht der SLAM im Mittelpunkt stehen. Es wird weiter über Bewertungssysteme, U20-Workshops und “Niveau” diskutiert werden.
Hiermit lasse ich Heiners vorübergehend gekidnappten Blog aus meinem Kofferraum wieder raus, reiße ihm das Klebeband von den Lippen und spraye ihm zum Abschied ein “Danke!” auf die Stirn.