Also: der National Slam 2008 in Zürich begann am Mittwoch, den 19.11.2008 um 20.00 Uhr und war am Mittwoch, den 19.11.2008 um 20:05 für mich schon wieder beendet, da 4-faches Pech (1. Startplatz, 2. Jury, 3. Harte Gruppe, 4. Harte Gruppen mit vielen starken Schweizern) mich rausgelost- und schmissen hatte (objektiver Bericht über meine Runde auf lars.blog.de). Danach 46 Stunden richtig schlecht drauf. Da hilft auch der geballte Trost der anderen nichts. Hadere mit meinem Schicksal, bin angekotzt, schlendere mit gebrochenem Kreuz durch den Schiffbau, kann nachts kaum schlafen und möchte am liebsten sofort mit Poetry und Slam aufhören. Während dieser 46 Stunden ziehe ich mir viele toppe Gespräche mit Slam-Kollegen und Slam-Freunden rein, welche mich sehr aufmuntern, und viele Slam-Veranstaltungen, die mich wieder brutal auf den Boden schmettern, da das Niveau nicht sehr hoch ist und manche Leute mit mauen Texten ins Halbfinale einziehen. Es ärgert mich, so schlecht drauf zu sein und alles so angepisst wahrzunehmen, und das steigert meine schlechte Laune noch zusätzlich. Das ein oder andere Lächeln bricht dennoch durch die Wolken.
Freitag, 20. November 2008:
Gegen 13.00 Uhr Ortszeit trifft meine kleine feine Theatergruppe nach 5 Stunden Autofahrt im regnerischen Zürich ein, wir bauen im Moods Club kurzerhand unser Bühnenbild auf, die wunderbar-hilfsbereiten Techniker Christian und Jean-Claude unterstützen uns perfekt, und während der Vorstellung von “ALLES GEHT. Ein Poetry-Drama” füllt sich der Club doch ganz ordentlich, cool. Da ich einen verhinderten Schauspieler ersetzen und erstmals selbst mitspielen muss, gerät die ein oder andere Szene zur Textverhaspel-Show, insgesamt kämpfen wir uns aber gut durchs Stück und liefern eine ordentliche Leistung ab (die uns noch mehr zusammenschweißt), den Drive von den Uraufführungen im Münchner Mai erreichen wir jedoch nicht. Den Leuten gefällts dennoch, Scharri, Harry, Wolf und andere findens top, manche erfreuen mich sogar mit ausgefeilten Plus- und Minus-Kritiken. Ich bin indes nur froh, dass das Stück jetzt abgespielt und das Experiment, Slam auf Theater treffen zu lassen, gelungen ist.
Danach Essen mit dem Ensemble und gemeinsam das Halbfinale 1 und das Team-Finale in der Halle 1 kucken. Während des 1. Halbfinals enden die 46 Depri-Stunden, der ganze Frust fällt ab und weicht einer gut gelaunten, leidenschaftlich-mitfiebernden Slam-Stimmung. Schön wieder der Alte zu sein. Es tut mir in der Seele weh, Gauner und Renato arschknapp scheitern zu sehen, was für ein dramatisches, teils hochklassiges Halbfinale! Wow, endlich geflasht! Im Anschluss dann noch das Team-Finale: trotz der sauvielen Metatexte – im Teamwettbewerb läuft momentan der Hase! (Morgen mehr zum Thema!) Da gehts richtig geil zur Sache, da sprühen die Funken und HIER SPIELT DIE MUSIK! LSD holen den Titel, vielen hättens der tollen Lesedüne gegönnt, aber wenn Slam in diesen Tagen eins NICHT ist, dann ein Wunschkonzert. Exzellente Stimmung danach in der wunderbaren Poetry Lounge und bei Karaoke from Hell, yeah. In der Jugendherberge noch bis 4 gekickert und gekichert. Hihi.
Samstag, 21. November 2008:
Eigentlich kann man schon nicht mehr, eigentlich ist man schon komplett voll mit Eindrücken und Texten und Jury-Noten und … eigentlich. Aber den Tag, den nehmen wir jetzt auch noch mit! Wie gewohnt frühes Frühstück (nur bis halb 10 erhältlich), danach etwas Schlaf nachgeholt und in der Lounge gechillt. Beim Open Mike herrscht eine sehr angenehme, wettbewerbsfreie Stimmung, Benjamin Reichstein zeigt mit seinem Nachrichten-Text mehr Originalität als viele andere im Einzelwettbewerb, und Renato Kaiser liefert den besten Publikumsspruch: Ein Slammer betritt die Bühne, eine junge Frau aus dem Publikum schreit ihm zu “Ich will ein Kind von dir und du weißt es!”, und Renato, ebenfalls im Publikum sitzend, erwidert blitzschnell “Nein! Sie hat ein Kind von dir und du weißt es noch nicht!”
Genug gelacht, es gilt, Heiner Lange im Halbfinale mental zu unterstützen. Micha Ebeling brennt direkt vor Heiner ein Storyteller-Feuerwerk ab, Heiner schafft es leider nicht, auf dieser Welle weiter zu surfen, und ich merke wie er merkt, dass an den Stellen des DISCO-Textes, an denen normalerweise das Publikum zu vernehmen ist, dieses nur minimal zu hören ist. In der Folge kämpft Heiner wie ein Löwe, legt auf jede einzelne Geste und Aussage noch ein paar Kilo Performance extra drauf – aber es reicht knapp nicht, sehr schade.
Dann noch das Grande Finale, im Cup-System ausgetragen. 13 Jury-Mitglieder, jedes davon mit einem X und einem O ausgestattet. Ein Slammer ist X, der andere O. Und einer kommt weiter. Johanna Wack vs Julian Heun und Gabriel Vetter vs Sebastian 23 heißen die beiden Halbfinals. Vetter hatte zuvor mit einem tollen schweizerdeutschen Text über coop vs Migros (die beiden Schweizer Supermärkte) 13:0 gegen Ebeling gewonnen. Und er hatte 6:20 min Zeit für seinen Text. Wer sich das Video von Gabriels Performance (Viertelfinale 3) ansieht wird merken, dass er weit über 6 Minuten Zeit benötigt hat und nicht die regelkonformen 5min + 15 sec! Dabei hieß es ganz eindeutig, dass die Zeit ab der ersten Geste oder dem ersten Wort des Poeten gestoppt wird! Und wenn im Finale einer deutschen Meisterschaft einer über eine Minute länger Zeit für seinen Text hat als die anderen Finalteilnehmer dann ist das schlicht und ergreifend einfach nicht fair! Ko meinte am Vortag bereits, dass ihm einige Texte enorm lang vorgekommen sind – mir auch, aber ich dachte, dass es einfach daran liegt, dass diese Text einfach LANGweilig waren. Gabs Probleme mit der Zeitmessung? Wer oder was hat die Zeit eigentlich gemessen? Auch bei meinem Vorrundenauftritt setzt das Klingeln, dass nach exakt 5 min einsetzen soll, erst nach 5:15 ein (Videobeweis). Hmmm. 6:20 sind schon verdammt viel, finde ich. Die Regeln gelten nun mal für alle. Freue mich über Kommentare zur Zeitmesser-Problematik!
Heun und 23 schließlich im Finale. Heun legt mit “Seifenblasenphrasen” gut vor, 23 muss nachlegen. Der letzte Text des National Slams. Und so nach 2 Minuten merkt der gute Sebastian, dass es noch nicht ganz reicht, denn der Text an sich ist deutlich schwächer als der von Julian, also beginnt er zu kämpfen, drückt auf die Tube und fightet wie ein Wahnsinniger, denn er hat noch 3 Minuten um endlich den unendlich verdienten Titel zu holen und sich in die Liste der National-Slam-Champions einzureihen (nobody remembers number twos). Und irgenwann hat er dann jeden im Publikum am Sack und sein Drive, seine Ausstrahlungskraft, seine Performance-Perfektion, sein Charme, sein Hunger, seine Hingabe und sein “besseres Gesamtpack” (Zitat Karsten Strack) bescheren ihm den Titel. Glückwunschglückwunschglückwunsch. So richtig und so wichtig. Für ihn und für den Slam. Denn hier wurde jemand mit dem Titel belohnt, der seit Jahren für Slam lebt und arbeitet, der sauviel für den Slam in Deutschland getan hat und der den Titel auch nutzen kann. Der n Buch hat, auf den man jetzt den Aufkleber “Geiler Typ 08″ kleben kann, der einen Agenten hat, der ihm nun noch geilere Auftritte verschaffen kann, der ne Band hat die das Zeug hat, und der somit der ganzen Szene als wundercooles Aushängeschild Glanz verleihen kann. Ich freu mich tierisch für und mit Sebastian, der, als wir am letzten Tag nachts in der Jugendherberge das “Deine Mudda”-Massaker beendet hatten, mit dem gefüllten gelben Hemd von Micha Ebeling die Hostel-Lobby betrat und dabei eine tiefempfundene Zufrieden- und Glückseligkeit ausstrahlte. Schön.
Das waren so grob meine/die Tage in Zürich. Morgen kommen noch ein paar Gedanken und Nachbetrachtungen hinzu. Und ich präsentiere meine 5 Lieblingstexte des Festivals!