[Vorbemerkung: Es empfiehlt sich, vor dem Lesen dieses Eintrags die Kommentare zu betrachen.]
Vorlauf
November 2007: Bumillo (im Weiteren Christian Bumeder genannt) fragt mich, ob er einen Text von mir für ein Theaterstück haben kann. Und nicht nur mich: Auch Bas Böttcher, Gabriel Vetter, Pauline Füg und viele andere, darunter Blair aus Detroit bekommen diese Mail. Ich sage “Kein Problem, gerne.”, und habe nur wenig Ahnung, was daraus werden wird.
Dezember 2007: Die Rohversion liegt in meinem Posteingang: “Slamsalabim, die erste Spoken-Word-Theater-Revue des Planeten” nach Motiven aus Paolo Coelhos “Veronika beschließt zu sterben”. Premiere Ende Mai auf der Studiobühne des Instituts für Theaterwissenschaften. Interessant. Kann das funktionieren?
Inhalt
(kurz zusammengefasst): Junge Frau Veronika wird vom daily grind zermahlen (Bas Böttcher – Nach dem Loop: Leben / Blair – Chrysler Poem), begeht einen Selbstmordversuch (Pauline Füg – Einsame Insel / Gabriel Vetter – Ausgangslage), erwacht mit terminaler Herzinsuffizienz (wie mir Dr. Bonke gestern erklärte) im Irrenhaus. Lernt, unsicher ob selbst verrückt, die anderen Verrückten kennen (Grög – Anonyme Poetiker / Bas Böttcher – Missverständnisse / Harry Kienzler – Ich habe Angst / Julius Fischer – Ich will Kunst machen gemashupped mit Heiner Lange – Mal, Mal). Verrückter Eduard (Anatol Schuster – Menschentiere) verliebt sich in sie. Psychiater der Anstalt ist auch durchgeknallt (Mirco Buchwitz – Freejazz). Veronika gewinnt in Anbetracht der fröglichen Verrückten und und Eduard (Xóchil A. Schütz – Deine Hand, die mich küsste) neuen Lebensmut (Sebastian 23 – Geh / Bumillo – Alles Geht + Bock), schafft es, die letzten Lebensstunden in Freiheit verbringen zu dürfen und stirbt letztendlich, dann Schlussmonolog Eduard (Pauline Füg – Zwischen den Zeilen).
Das Stück
Bereits an dieser Inhaltsangabe dürfte es klar werden, dass der Fokus des Stücks auf der Komposition der Slamtexte liegt. Dass die Handlung in einem Irrenhaus spielt, ist eine Lösung für die Problematik des fehlenden Zusammenhangs der Slamtexte. Betrachtet man aber den Umstand, dass Bumeders unverslamte Dramaversion besagten Stoffs bereits existierte, könnte man wohl sagen: Das hat sich so ergeben, diesem Umstand bedarf wohl keines Hintergedankens. Dabei sei gesagt, dass inbetracht der durch Coelho gegebenen, sehr konstruierten Handlung, kaum die Absicht besteht, eine Geschichte zu erzählen. Vielmehr ist es Ziel des Stücks, ganz wie Slamtexte, Stimmung zu erzeugen: Der unerträgliche Alltag, eine gehörige Prise Weltschmerz, Betroffenheit, die würdevolle Lebensfreude des Verrückten, und am Ende wieder Verlust. (Wobei diese Betrachtung aus der Sicht eines Slampoeten und selten-Theatergänger geschieht, siehe Kommentare.)
Und das klappt ausgezeichnet. Auf der Premiere fieberte ich ständig dem nächsten Slamtext (die ich ja durch meine Reisetätigkeit und diverse Youtubeversionen alle kenne) entgegen. Und musste an vielen Stellen sehr breit grinsen, wenn nicht kichern, ob der Tatsache in welch ungewöhnliche Kontexte man Slamtexte stellen kann, wenn man sie nur von der neutralen Slambühne und dem Autor selbst entfernt. Und doch die ursprüngliche Wirkung beibehält, wenn nicht verdeutlicht. Ein Beispiel: Mein Mal-Text dient als unterbrechende Dialoghälfte zu Julius Fischers Kunst-Text. Nachdem der Mal-Text kurz stoppt, ist das “äh…. ja…. wo war ich” vor dem folgenden Kunst-Part sehr bezeichnend für die verwirrende Wirkung, die ich selbst verursache, wenn ich Bob Ross imitierend auf der Bühne stehe.
So war es also eine interessante Erfahrung, einen eigenen Text einmal fremdaufgeführt sehen zu können. Auf die Frage danach, wie ich mich gefühlt habe, konnte ich aber nichts dezidiertes sagen. Es war interessant und weckt in mir das Bedürfnis, auch mal jemanden zu covern, falls ich irgendwann dazu komme.
Die Inszenierung
Die Schauspieler haben sich echt ins Zeug gelegt. Das kann man festhalten. Die größte Spannung in dieser Angelegenheit bestand für mich persönlich allerdings weniger in der Story, den Slamtexten an sich, dem Bühnenbild oder ähnlichem, sondern in einer anderen Frage: Wie viel der typischen Slamattitüde des Co-Autors (bzw Text-Arrangeurs) und Regisseurs würde darin enthalten sein? Wie viel des typischen Bumillo-Bühnen-Vollgasoptimismus würde enthalten sein? Würde es ein Bumillo-Stück werden, ein Stück von Christian Bumeder, oder besteht zwischen diesen beiden überhaupt ein Unterschied?
Ich sehe mich nicht imstande, diese Frage entgültig zu klären. Denn Fakt ist: Bumillo-Texte sind enthalten. Fakt ist auch: Das ganze Stück entbehrt jeglicher Betriebsbremse, wie seine Bühnenperformance. Aber auch: Ernste und lustige verarbeitete Slamtexte halten sich die Waage, allerdings sind die amüsanten Texte gewohnt wirkungsvoller (bis auf Gabriel Vetters “Ausgangslage”, dessen Performance durch Max Specketer Herrn Vetter weit in den Schatten stellt). Und: Der Schluss des Stücks ist nicht, wie in einer älteren Version, Bumillos “Alles geht”, sondern Pauline Fügs “Zwischen den Zeilen”.
Fazit?
Genug gestammelt. Falls Fazit, dann: Experiment geglückt. Ich bin gespannt, wie viele der Schauspieler ihre Einladung auf der Gästeliste am Sonntag im Substanz nutzen werden.




