Vornachtrag: Michl hat auch seine Erlebnisse auf dem Brückenfestival festgehalten, hier.
Hihi. Lange sitzt gerade im Regionalexpress von Nürnberg nach München mit seinem Bühnenlaptop, schreibt, sortiert Fotos und schneidet den Mitschnitt von gestern Abend. Dieser Regionalexpress NB-MUC über die ICE-Trasse und mit IC-Wägen (Stromanschluss, Baby!) ist nach wie vor das Beste, was die Deutsche Bahn in Bayern eingerichtet hat. Oder einer der wenigen Lichtblicke?
Was soll man zu so einem Abend schreiben? Chronologisch nacherzählen? Hm… ja, aber gerafft. Also, wie ging der Abend vonstatten?
Der Slam hat ein mehr als solides Line-Up: U.a. Mimi Meister, Schlumpf, Pauline Füg, Stefan Dörsing, Marta D. Bednarczyk, spontan noch Bybercap (diesmal nicht X oder Jr., sondern Brückstock) aus Erlangen und der Bayreuther Slam2007-Starter Benny Reichstein.
Die erste Runde holt sich der Slamneuling Bernhard Zellner aus Nürnberg. Gedanklich sehr tiefe Texte – im Vortrag verbesserbar, im Inhalt sehr fein. Lange selbst konnte den ganzen Gedankengängen nicht folgen, auch nicht im Nachhören, aber sehr trotzdem sehr intensiv. Runde zwei geht an Herrn Bybercap Brückstock mit einem Text, der nach Gerechtigkeit fragt. Guter Text (einer von seinen wenigen), den Lange sogar noch nicht kannte. In Runde drei beginnt Pauline mit gefühlsinvolvierender Lyrik, Marta macht ebenso weiter, und als Letzter dann unser aller Lieblingskrawallpoet Lange. Muss natürlich nen neuen Text ausprobieren, schließlich geht es “nur” um Wodka und nicht mehr um ominöseles Rankeling. Liest also einen offenen Brief an Günter B. und Wolfgang S. involviert auch Gefühle, schreit sie aber in die Welt. Die ersten Reihen heulen nachher ob ihrer blutenden Ohren, aber Lange wird richtig fett ins Finale geklatscht. Der Mitschnitt von diesem Text (einer absoluten Premiere) hier:
Get the Flash Player to see this player.
In diesem Zusammenhang äußerst empfehlenswert: Zwei Posts in Horst Thiemes Blog (1 und 2) sowie die Adresse des T-Shirts, das Benny Reichstein an diesem Abend trägt: Steht auf!
Eine sehr verrückte Szene schleicht sich ein: Zwei Rockerkids gehen auf die Bühne und lesen aus dem Buch des Schaffhauseners (nein, das hat nichts mit Gabriel Vetter zu tun) Phillip Müller, der philosophisch fundiert für den Suizid eintritt. Einige Leute erkennen leider die unbändige satirische Kraft in diesem Vortrag nicht. Lange auch erst spät. Hier der Mitschnitt zum Runterladen:
Betrunkene Philosophie
Finale: Bybercap beginnt, wie zu erwarten war, mit seinem wunderbaren Text auf das deutsche Bildungssystem. Bernhard Zellner liest einen sehr zynischen Text. Guter Inhalt, aber zum Zuhören ziemlich anstrengend.
Dann Lange. Und, konsequenterweise, nochmals eine Textpremiere: Eine Ballade auf die Monotonie der Wochewochewochewoche. Atemlose Performance, danach schnappt er nach Luft wie ein Karpfen im Weltraum. Steht bei der Abstimmung paralysiert auf der Bühne. Gewinnt. Das Publikum ruft nach Zugabe. Verdammt. Hier beginnt die kritische Stelle dieses Blogeintrags: Soll Lange es rechtfertigen, und wenn ja, wie soll Lange es rechtfertigen, dass er als Zugabe genau den Text bringt, auf den er nie festgelegt werden wollte, der aber insbesondere in Franken bereits einen üblen Status genießt? Gehen wir die Sache neutral an. Würde ein normaler Mensch “Ich glaube, Wurst ist mein Brot.” sagen, dann würde man ihm antworten: “Du machst wohl gerade eine Low-Carb-Diät.” oder “Das ist aber keine allzu gesunde Ernährung.” Wenn aber ein Poetry-Slammer “Ich glaube, XXX ist mein Brot.” sagt, dann ist das kritisch, weil es ein Phänomen bezeichnet, das jedem bekannt sein dürfte, der sich ein wenig mit Poetry Slam auf nationaler Ebende beschäftigt. Lange sagt nur Marburg. Aber was soll Lange machen? Wenn die Leute “Wurst!” schreien, soll er ihnen diesen Wunsch verwehren? Nein. Lange hat noch genug andere Texte in der Tasche. Auch wenn sie keinen derartigen Kultfaktor haben.
Kleines Wochenendfazit: Michl, das hast du gut gemacht. Das Konzept der literarischen Lückenbüßerei (überspitzt formuliert) zwischen den Bands ist aufgegangen. Lange vermutet, dass das zum großen Teil daran lag, dass die Literatur sich ihre Bühne mit niemandem teilen musste. Die Leute haben am Ende gejohlt wie damals in München in der LMU. Und: Lange hat seine Bühnensucht für mindestens eine Woche mehr als befriedigt, das hat wirklich gut getan.
Bildergalerie Nürnberg Brückenfestival 11.08.07

Nachtrag
So, jetzt lässt der Lange die Katzen noch schnell aus dem Sack. Er wird ab nächsten Samstag bei der Kiezmeisterschaft in München Teil des Teams sein, zusammen mit Bumillo. Ab Oktober wohnt er dann in München, studiert und gibt Schülerworkshops.
Zudem möchte Lange in Landshut einen Slam einrichten, sucht aber noch nach einer passenden Location, die stimmig ist sowie Fahrkostenbudget für gute Reiseslammer ergibt und hofft, dass sein geschätzter Kollege Langer (ja, mit “r” am Ende) dabei die zentrale Leitung übernehmen wird. Wer das jetzt liest und denkt “Hey, dann will ich auch mal nach Landshut kommen!”, dem sei gesagt: Lange wird das gebührend an die Glocke hängen, sobald es in 100%ig trockenen Tüchern ist. Nachfragen bringt also überhaupt nichts, außer dass es dem Lange Erfolgsdruck bereitet, den Lange gerade nicht brauchen will. Frei nach dem zitternden Koffeinjunkie Tweek aus Southpark: “Hört auf mich zu fragen! Ich halte den Druck nicht mehr aus!” Hehe. *Ironiemodus aus* Bis Samstag dann.