• Heiner, 03 Sep 2009 /  Lange Denkt, Texte

    Als Gregor eines Samstagmorgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem blechernen, harten Rücken und sah, wenn er die Frontstoßstange ein wenig hob, sein flaches, schutzlackiertes, von kreuzförmigen Versteifungen geteiltes Fahrgestell, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vier, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen, Reifen flimmerten ihm hilflos vor Augen.

    „Was ist mit mir geschehen?“, dachte er. Er überlegte weiterzuschlafen und alle Narreteien zu vergessen. Aber das war gänzlich undurchführbar, denn er war gewöhnt, auf der rechten Seite zu schlafen, konnte sich aber in seinem gegenwärtigen Zustand nicht in diese Lage bringen. Mit welcher Kraft er sich auch auf die rechte Seite warf, immer wieder schaukelte er in die Rückenlage zurück. Er versuchte es wohl hundertmal, schloss die Augen, um die durchdrehenden Räder nicht sehen zu müssen, ließ dann aber davon ab, nachdem sein Kotflügel ob der harten Wand schon verbeult war.

    So starb er nach langem Todeskampf mit leerem Tank, und wurde erst 30 Jahre später von einem Ingenieur eines Wolfsburger Automobilherstellers gefunden, der mit der Konstruktion von Gregors metallernem Exoskelett einen durchschlagenden Welterfolgt feierte. Und so lief er, und lief, und lief, und lief.

    Weitere 60 Jahre später wurde, ganz unabhängig davon, ein Blogschreiber für die Verbreitung unzumutbaren Nonsenses mit Schreibverbot bestraft.

  • Heiner, 17 Feb 2009 /  Texte

    In letzter Zeit flutschen immer wieder Spammails durch meinen “Ich-schau-welche-Wörter-wahrscheinlich-Spam-sind”-Spamfilter. Und das Schöne daran: Die sind sogar noch lustig! Lange.Slam.Blog proudly presents: The Cream of the Spam!

    Heute: Eine Unterhaltung unter Freunden und eine unglaubliche Enthüllung!

    Eine Unterhaltung unter Freunden

    Eine Spammail, bestehend aus Antwort und mitgeschicktem Zitat. Aus Gründen der Verständlichkeit hier korrekt angeordnet. Der Ursprung:

    Sven Laue schrieb:
    > Hey Volker,
    >
    > ich weiß echt nicht mehr weiter und könnte heulen. Meine
    > Ehe steht kurz vor dem Aus. Wir streiten nur noch und
    > Melanie wirft mir vor, ich würde sie nicht mehr begehren
    > und hätte kein Interesse mehr, mit Ihr zu schlafen.
    >
    > Dabei ist das gar nicht der Fall. Ich will schon, aber
    > ich kann einfach nicht mehr. Ich bekomm einfach kaum
    > mehr einen hoch. Das schlägt mir total auf den Magen und
    > ich habe das Gefühl, kein richtiger Mann mehr zu sein.
    > So kenne ich mich gar nicht. Früher hatte ich diese Probleme
    > nie, aber dann nach und nach habe ich irgendwie immer mehr
    > abgebaut.
    >
    > Es liegt auch nicht an Melanie. Das ist eine tolle Frau
    > und ich liebe sie echt und will gar keine andere haben.
    >
    > Ich bin total am Ende. Hast Du vielleicht nächste Woche
    > mal Zeit für mich. Ich würde gerne mit Dir saufen gehen.
    > Mir fällt die Decke auf den Kopf und ich muss einfach mal
    > raus.
    >
    > Gib mal kurz Bescheid, ob das bei Dir passt.
    > Bis denn
    > Sven

    Au Weia! Nicht, dass ich Potenzprobleme lächerlich machen wollen würde, aber ich finde es schon ein starkes Stück, wie sehr der Sven dem Volker sein Herz ausschüttet. Volker zeigt sich in seiner Antwort dann auch sehr verständnisvoll:

    Von: Volker Burghardt <post@das-ist-klasse.com>
    Betreff: Re: ich weiß nicht mehr weiter
    Hi Sven,

    Du, das gleiche Problem hatte ich auch. Bei mir hat auch
    nichts mehr im Bett funktioniert. Entweder hatte ich keinen mehr hoch bekommen oder ich hab schon nach ner Minute abgespritzt und dann ging auch nichts mehr.

    Wie Du war ich total verzweifelt. Schau bitte einfach mal
    bei http://www.das-ist-klasse.com/428ff2e33 – ich hab mir da ein paar Sachen bestellt und dann ging es wieder super. Das war, als würde eine Blockade fallen. Ich hatte keine Angst mehr und wenn ich beim ersten Mal dann eben schnell gekommen bin, war das auch kein Problem mehr.Ich hatte danach zum einen immer noch Lust und zum anderen stand er auch schnell wieder.

    Michaela hab ich davon natürlich nichts erzählt und ich
    möchte Dich auch bitten, das alles für Dich zu behalten.
    Unsere Ehe hat dadurch wieder eine ganz neue Dynamik
    erhalten, nicht nur im Bett sondern auch so. Wir fühlen uns wieder neu verbunden und gehen viel liebevoller mit einander um.

    Ich kann Dir nur raten, probier es einfach mal aus. Du hast ja nichts zu verlieren. Mir hat es jedenfalls unheimlich geholfen.

    Was das Saufen angeht, klar, können wir gerne machen. Am WE hab ich noch nichst vor Micha ist mit ihren Mädels verabredet. Würde also gut passen. Ich schlag vor, Du
    kommst Samstag so um 8 bei mir vorbei, ich koch ein paar Nudeln, wir glühen dabei was vor und dann fahren wir mit einem Taxi in die Stadt.

    Melde Dich noch mal, ob das so hinhaut
    LG, Volker

    Zwei echte Freunde, oder? Erst reden sie über ihre Potenzprobleme, und dann gehen sie zusammen einen trinken. Von wegen, Männer seien unfähig, über ihre Probleme zu sprechen, liebe genderkompetente Frauen!

    Mein Verdacht, warum mein Filter diese Mail durchlies: Das Wort “vorglühen”. Scheint so ein Anti-Spam-Wort zu sein…

    Eine unglaubliche Enthüllung

    Als Zweites: Die BESTE Spammail meines Email-Lebens! Ich habe Tränen gelacht!

    Von: Gabi <Gabi@private4only.com>
    Betreff: Skandal weitet sich aus: U-Bahn-Schläger

    Vor einem Jahr trat Serkan A. einen wehrlosen alten Mann fast in den Tod.
    Er zeigte vor Gericht keine Reue und sogar seine Familie zeigte der Presse nur den Mittelfinger.
    Die BILD fragte sich, wie sich so einer drei Anwälte leisten kann. Wer verdient in der Familie so viel Geld? JETZT KOMMT ES RAUS:

    Die Schwester des U-Bahnschlägers drehte Sexfilme und WIR haben diese Filme exklusiv!!!

    Es ist die pure Sauerei. Zwei Frauen verwöhnen sich und Sie ist voll aktiv.

    Die kleine Türkin zeigt alles, was sie hat und sie hat eine Menge!

    Geiler und skandalöser geht es nicht.

    Echt nicht? Schade… ich fürchte, das wird auf lange Zeit der Höhepunkt meiner Spamsammlung bleiben…

  • Wie auf der alten Adresse erwähnt, hat der Blog jetzt die Adresse www.dichterlange.de/blog

    Bitte aktualisiert eure Bookmarks, RSS-Feeds und Blogroll-Links!

    Vermutlich wird ein Großteil der Fotogalerien verloren gehen. Das wäre nicht passiert, wenn ich von Anfang an mir einen Account auf wordpress.com eingerichtet hätte. Dazu habe ich jetzt aber auch keine Lust mehr. Privater Webspace ist zwar in Zeiten von 100Gb-Google-Postfächern ein Auslaufmodell, aber was solls. Anachronismus rulez.

    Update Freitag: Kommentare rübergerettet, yes!

  • Heiner, 09 Sep 2007 /  Lange Denkt, Texte

    Hm… Lange hatte ja ursprünglich geplant, keine Texte von sich im Blog zu veröffentlichen, höchstens Mitschnitte (Stichwort: Synästhesie). Aber da die Woche nun wirklich nichts Slam-relevantes passieren wird, gibts nun ein paar Gedanken, Notizen, und ein kleines Gedicht.

    Gedanken zum Reimen

    Lange bereitet sich gerade mit spezifischer Literatur auf seine zukünftigen Workshops vor. Darunter auch ein Buch, das sich auf den Schild geschrieben hat, den produktiven Umgang mit Lyrik zu lehren, zuerst erschienen 1988, überarbeitet 1998. Die Übungen, die darin vorgeschlagen werden, sind für literarische Gruppenarbeiten sehr gut geeignet – was den Lange aber etwas irritiert, ist die Tatsache, dass die Spoken-Word-Kultur respektive Poetry Slam mit keinem Wort erwähnt wird. Vielmehr vertritt der Autor die These, dass Lyrik nur noch sehr selten gehört werde, viel öfter gelesen, und dass man bei der Produktion “zeitgemäßer Lyrik” auf Rhythmen und Reime verzichten könne bzw. solle. Der freie Vers sei mehr oder weniger das Maß aller Dinge, Reime seien eigentlich nur noch im Volkstümlichen und vielleicht auf Familienfeiern angebracht. Vielleicht liegt das daran, dass das Buch schon 9 Jahre alt ist. Irgendwie scheint Langes Zeitdifferenzrechnungsuhr mit dem Millenniumswechsel stehen geblieben zu sein: Immer wieder ertappt er sich, wenn Jahreszahlen aus den 1990ern genannt werden, bei dem Gedanken “Och, gar nicht so lang her.” Aber hallo! 6 Jahre und fast 9 Monate ist das her! Mensch Lange, damals warst du gerade erst 13, als das neue Jahrtausend eingebrochen ist!

    Aber zurück zum Thema: Könnte man behaupten, dass Spoken Word die lyrischen Fortschritte (die zum großen Teil aus Reduktion bestehen) der letzten 100 Jahre komplett ignoriert? Lange glaubt: Nein. Natürlich spielt man als Bühnenpoet auf Poetry Slams mit der Erwartung “Wie Goethe und Schiller, nur moderner” des Publikums, dem die lyrische Entwicklung der letzten Jahrzehnte ziemlich egal sein dürfte. Lange könnte sich auch selbst kaum erinnern, im Deutschunterricht aktuelle Literatur behandelt zu haben. Irgendwie war da der Expressionismus in der Lyrik das letzte Kapitel vor dem Abitur. Vielleicht zwischendurch ein wenig gejandlt, möglich, aber der Schwerpunkt lag klar auf dem 19. Jahrhundert mit seiner schlonzigen Romantik, seinem kuschelgefangenen Biedermeier und seinem (bis auf den durchaus subtilen Heine) posauneristischen Vormärz. Erich Fried? Robert Gernhardt? Fehlanzeige. Vielleicht weil Gernhardt auch gereimt hat?

    [Anmerkung: Irgendwie geht hier gerade vollkommen der Faden verloren. Die Überleitung mit Gernhardt+Reim ist auch nicht gerade stark. Welche Einstellung hatte Gernhardt eigentlich zum Poetry Slam? Sonntagvormittagsstreamofconsciousnessbloggen ist merkwürdig.]

    Wie auch immer. Jedenfalls ist der Reim für Lange noch lange nicht tot. Das war eigentlich alles, was er sagen wollte: Wenn man Gedichte anhört, gibt der Reim dem Ohr einen anständigen Zusammenhalt, solange man sich nicht gezwungen beim Reimen auffrisst. Außer Ken Yamamoto (der am 29.09. in München auftritt, was sich Lange nicht entgehen lassen wird) steht auf der Bühne, der kann das auch sehr gut ohne… (Hörtipp hierzu: Wehwalt Koslovsky – der Idiot)

    [Hat Lange damit jetzt die Kurve zu einer schlüssigen Argumentation gekriegt. Vermutlich nicht...]

    Hörtipp

    Eric Mingus – Um… er… Uh: Spoken Word in Kombination mit klasse Jazz. Hört Lange auf Dauerrotation, seit Rayl das in seinem Blog empfohlen hat.

    Gedicht

    Da schmeißt sich der Lange nun schon für den Reim in die Bresche, und dann kommt ganz unvermittelt ein ganz zeitgemäßes, zynisches Gedicht ganz ohne Reim, noch nicht einmal mit ganzen Sätzen. Lange wird vermutlich demnächst verrückt.

    Der Schlag

    Streit
    Stammzellen
    Forschung
    Streit
    Kleriker Schlag Forscher Gesicht
    Grund Forscher Vorschlag:
    “”"
    Def.:
    Taufbecken = Petrischale
    Nährlösung = Taufwasser

    Folge:
    Stammzelle = Christ
    Christ = Seele

    Seele: Himmel
    “”"

  • Heiner, 23 Aug 2007 /  Lange Denkt, Texte

    Langes guter Freund Holger (wer den Namenswitz per Kommentar auflöst, bekommt einen Dichterlange-Button geschenkt) arbeitet im Goethe-Institut von Mumbai. Gelegentlich bekommt er Anfragen, deutsche Texte zu korrigieren. So auch nach vergangenem Wochenende, als er einen Brief von der “literarischen Kamasochistosutra-Reiseagentur für deutschsprechende Leidenswillige” in Mumbai bekam. In deren zu korrigerenden Vorab-Katalog waren folgende Slogans abgedruckt:

    Sachsen ruft!

    Komm nach Sachsen, hier bricht man dir die Haxen.

    Lass dich in Plauen schön verhauen.

    Komm doch mal nach Leipzig, spiel mit uns ‘33.

    Kommt nach Bautzen, hier gibt es auf die Plauzen.

    Kommt nach Grimma, hier leidet ihr noch schlimmer.

    Am Besten aber kommt doch mal nach Mügeln,

    und lasst euch einfach dort verprügeln.

    Dieser Blogeintrag ist dem perversen Umstand gewidmet, dass in den meisten Medien, die über die rassistische (zweifelt jemand ernsthaft daran?) Hetzjagd auf die Inder in Mügeln berichten, der reimgeile Ausdruck “verprügeln” benutzt wird, wo das wesentlich brutaler klingende “zusammenschlagen” (die Betonung liegt auf der Masse, die ja tatsächlich “zusammen schlug”) viel bezeichnender wäre.
    Als Vorabklarstellung sei gesagt, dass Lange nix gegen Sachsen hat, sondern nur gegen einen speziellen Teil seiner Einwohner, deren krude Gesinnung überall in Deutschland, nicht nur in Sachsen, Anhänger besitzt.

  • Heiner, 06 Jun 2007 /  Landshut, Texte

    Sollte sich der eine oder andere Stammleser fragen, warum die Fortsetzung des HASS-Flashs auf sich warten lässt: Der Lange hat keine Zeit, sich mit Corel Rave zu rauven, weil er gerade seinen Balkon auseinanderschraubt, schleift, lackiert und wieder zusammenschraubt. Im Moment ist er beim Schleifen. Das letzte Schleifen und Streichen (ohne Auseinandernehmen) ist 4 Jahre her, vor 2 Jahren entstand der folgende Text, der als Vertrösterli zu verstehen ist:

    Mein Balkon

    Mein Balkon ist lang. 8 Meter und 1,50 breit.
    Im Winter etwas kürzer, aber das merke ich nicht.
    Mein Balkon wurde einst von mir lackiert, braun.
    Die Jeans mit den Holzlasurflecken liegt
    nach wie vor dort, seit mittlerweile zwei Jahren.
    Die entsprechende Unterhose trage ich immer noch.
    Zu der Jeans gesellen sich vier Blumentöpfe.
    Zwei leere, zwei bestückt mit Tomatenpflanzen.
    Die Kirschtomaten waren sehr lecker,
    doch das war letzten Sommer,
    und jetzt sind die Pflanzen tot.
    Wann immer der Wind sie umweht,
    stelle ich sie trotzdem wieder auf.
    Daneben: Eine leere Plastikflasche,
    voller Reste von explodierten Silvesterkrachern.
    Das war zwar nicht erlaubt, aber laut.
    Wäre ich Raucher, so würde ich
    meinen Balkon sicherlich dafür gebrauchen.
    Mein Bruder rauchte früher.
    Die Kippen tat er in ein Gurkenglas,
    das da jetzt noch liegt, voll.
    In meiner Balkon-Ära gesellte sich in dieses
    Gurkenglas nur ein Jointstummel hinzu,
    der war aber nicht von mir.
    Im Sommer, wenn ich die Hitze der Nacht
    im Bette nackt verbracht habe, strecke ich mich
    nach dem Aufstehen auf meinem Balkon.
    Seine Kante ist gerade so hoch, dass,
    von der Straße aus gesehen,
    mein Gemächt verdeckt wird.
    Vom Haus gegenüber könnte man darauf einen
    Blick erhaschen, doch die alte Witwe hat
    sich noch nie beschwert, zumindest nicht darüber.
    Vielleicht hatte ich da auch einfach nur Glück.
    Des öfteren sitze ich in der Sonne auf dem Balkon,
    lese dabei, höre Musik oder trinke Bier
    im Sonnenuntergang, manchmal alleine,
    manchmal auch in Gesellschaft.
    Ich mag meinen Balkon.

    Und darum widmet der Lange ihm gerade seine gesamte Zeit. Und bricht sogar seine eigentliche Prämisse, keine Texte in Textform im Lange.Slam.Blog zu veröffentlichen. Fühlt euch also geehrt bis in die Haarspitzen!

    Nächster Lange.Slam.Bericht kommt am Sonntag nach Landsberg.