Nein, ich mische mich nicht in die Diskussion ein, ob es ein neues Schwabing gibt. Ich wohne schließlich in Neuhausen, und bevor in Neuhausen wieder was geht, muss es mein Vermieter erstmal hinbekommen, die Ladenfläche im Erdgeschoss nicht nur zu vermieten, sondern auch, dass dort ein Geschäft einzieht. Solange trinke ich meinen Tee bei der japanischen Konditorei nebenan. Aber ich schweife ab.
Montag, Vereinsheim, Blickpunkt Spot
Als ich reinkomme, treffe ich in der Sofaecke Sven Kemmler und Gerhard, der mir bekannt vorkommt. Sven eröffnet mir, dass ich als Letzter dran bin, das freut, da ist das Publikum schon warm. Als er dann, auf der Bühne stehend, erzählt, dass vor mir die Band “Luftmentschn” auftritt, verfliegt diese Euphorie komplett. Ich trete sehr ungern nach Bands auf. Denn: Die Ohren der Leute von rhytmisch-melodisch auf sprachlich-überdreht umzupolen ist eine unangenehme Aufgabe.
In der ersten Hälfte tritt Katharina Herb mit Auszügen aus ihrem Programm “400 Jahre Sex in der Oper” auf. Flasht. Beste Nummer: Die Königin der Nacht mit klanglich markierten Satzzeichen (Komma = *krrt*), um den Text dem sopranungewöhnten Hörer verständlich zu machen. Geil. Nach der Pause treten dann die Luftmentschn auf, derbe Freaks mit außergewöhnlichem Akustikpop. Mein Auftrittsmut sinkt. Als dann während dem Abbau der Band noch Josef Hader durch die Tür spaziert, ist der Mut fast am Boden. Ok, klar, der will vermutlich auch nur ein Bier trinken, aber steig du mal auf die Bühne, wenn eines deiner künstlerischen Vorbilder hinter der Bar steht.
Der Auftritt gestaltet sich dann, vermutlich wegen der Nervosität, sehr geil. Die Leute bepissen sich, und ich steigere mich umso mehr hinein. Der neue Text, die Odysse durch die dunkle Stadt, zündet auch, und die Frage “Was tut man nicht alles für ein kleines bisschen …” kommt definitiv in mein festes Repertoire.
Später erkenne ich, dass jener Gerhard der Assistent von Hader ist. Derjenige, der sich im Backstage-Intro von “Hader muss weg” mit dem Chef unterhält. Der Blickpunkt Spot gehört jetzt mit diesem Montag offiziell zu meinen Lieblingsveranstaltungen.
Mittwoch, Repüblik, Nerd Nite
Gleich um die Ecke in der Ursulastraße steht die Repüblik. Ein erstaunlicher Raum, der seinen Zauber vermutlich aus der Abrissansage des Grundstückbesitzers zieht, wie es z.B. die Registratur auch lange Zeit getan hat. Und es ist Nerd Nite: Drei Referenten halten wissenschaftliche Vorträge aus ihrem abseitigen Fachgebiet. Und das Publikum trinkt Bier.
Als erster ist Reinhard Ammer dran, der vom Konzept und der Entstehung seiner Erzählung “Elfenfeld” erzählt. Den hatte ich im Café Gap und bei den Schaumis auch schon gesehen und fand ihn schlimm. Gestern war er der Burner. Im Detail: Elfenfeld ist eine 64-seitige Erzählung, in der allein der Vokal “e” verwendet wird. Ausschließlich. Die Sonne wird zum “Brennstern”. Ich glaube, das Teil bestell ich mir.
Als zweites ist eine Frau dran, die über die Geschichte der Satzzeichen referierte. Leider kann sie mir nicht erklären, warum das Fragezeichen so aussieht, wie es aussieht.
Der dritte Referent namens Tommy Schmidt stellt seine Lebensphilosophe “80max” vor. 80max bedeutet: Nichts perfekt machen, bei maximal 80% des Erreichbaren aufhören, denn: Für diese ersten 80% des möglichen Ergebnisses genügen 20% des möglichen Aufwands, wohingegen die restlichen 20% des Ergebnisses die restlichen 80% des möglichen Aufwands erfordern. Was sich keinesfalls lohnt. Man ist eben mehr Schwimmer als Taucher. Das alles projizierte er in einer sehr gut gemachten Präsentation an die Wand, und die Leute gingen tierisch drauf ab.
Die Nerd Nite taugt mir. Da gehe ich wieder hin. Wobei es, bei zu erwartend guter Mund-zu-Mund-Propagande, dann richtig voll werden dürfte.